Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis)

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Der Schlammpeitzger ist einer der eigenwilligsten Fische unserer Gewässer. Er sieht aus wie ein kleiner Aal, lebt in Tümpeln, die für andere Fische längst zu sauerstoffarm wären, atmet notfalls durch den Darm und galt jahrhundertelang als lebendes Barometer. Zu Gesicht bekommt ihn kaum jemand, denn er ist nachtaktiv, vergräbt sich tagsüber im Schlamm und steht in ganz Deutschland unter strengem Schutz.
Steckbrief

Wissenswertes über den Schlammpeitzger
Lebensraum
Der Schlammpeitzger besiedelt genau die Gewässer, die andere Fischarten meiden: flache, stark verkrautete Stillgewässer mit dicker Schlammauflage. Typische Lebensräume sind Altarme und Altwässer der großen Flüsse, Entwässerungsgräben, Moorgewässer, verlandende Weiher und wassergefüllte Wiesensenken. Entscheidend ist weniger die Wasserqualität als die Struktur. Er braucht einen weichen, mindestens handtiefen Schlammgrund, in den er sich eingraben kann, und dichte Unterwasservegetation.
Sein Verbreitungsgebiet reicht von Mitteleuropa über Osteuropa bis nach Westsibirien. In Deutschland liegen die Schwerpunkte in den Niederungen von Elbe, Oder, Havel, Weser und Rhein sowie in den Grabensystemen Norddeutschlands. In Fließgewässern findet man ihn allenfalls in strömungsberuhigten Buchten, denn starke Strömung meidet er konsequent.
Bemerkenswert ist seine Zähigkeit. Fällt sein Gewässer im Sommer trocken, gräbt er sich tief in den feuchten Schlamm ein und überdauert dort in einer Art Trockenstarre, bis wieder Wasser kommt. Solche Phasen kann er über Wochen überstehen, eine Fähigkeit, die unter unseren heimischen Fischen praktisch einzigartig ist. Wie stark ihn niedrige Wasserstände dennoch treffen, zeigt unsere Übersicht zu den aktuellen Pegelständen der Flüsse.
Bevorzugte Nahrung
Der Schlammpeitzger ist ein Bodenfresser, der seine Nahrung nicht sieht, sondern ertastet und erschmeckt. Die zehn Barteln rund um sein unterständiges Maul sind mit Geschmacksknospen besetzt und dienen als Suchwerkzeug im lichtlosen Schlamm. Auf dem Speiseplan stehen Zuckmückenlarven und andere Insektenlarven, kleine Würmer, Wasserasseln, Bachflohkrebse, Muschelkrebse und kleine Schnecken. Dazu nimmt er beim Durchwühlen reichlich Detritus auf, also zersetztes Pflanzenmaterial, aus dem er Kleinstlebewesen filtert.
Gefressen wird überwiegend nachts. Tagsüber steckt der Fisch meist bis auf den Kopf im Schlamm und wartet ab.
Größe & Lebenserwartung
Mit 15 bis 25 Zentimetern ist der Schlammpeitzger der mit Abstand größte heimische Vertreter der Schmerlenverwandten. Ausnahmeexemplare erreichen bis zu 35 Zentimeter. Sein Gewicht bleibt dabei bescheiden, denn der schlanke Körper bringt selten mehr als 100 Gramm auf die Waage. Weibchen werden in der Regel etwas größer und schwerer als Männchen, die dafür deutlich längere und kräftigere Brustflossen besitzen.
Die Lebenserwartung liegt bei etwa fünf bis zehn Jahren. In ungestörten Gewässern mit gutem Nahrungsangebot können einzelne Tiere auch älter werden. Genaue Daten sind wegen der verborgenen Lebensweise allerdings selten.
Fortpflanzung
Geschlechtsreif wird der Schlammpeitzger mit zwei bis drei Jahren. Die Laichzeit erstreckt sich von April bis Juni, wenn sich das flache Wasser auf 15 bis 18 Grad erwärmt hat. Die Weibchen legen dann zwischen 20.000 und 150.000 klebrige Eier an Wasserpflanzen, Wurzeln und abgestorbenen Halmen ab, meist in mehreren Portionen über einen Zeitraum von Wochen verteilt.
Die Larven schlüpfen nach etwa einer Woche und tragen zunächst äußere Kiemenbüschel, die mit dem Heranwachsen zurückgebildet werden. Diese Jugendform ist an das sauerstoffarme Wasser angepasst, in dem die Brut aufwächst. Erst später übernimmt die Darmatmung diese Aufgabe.
Merkmale des Schlammpeitzgers
Der Schlammpeitzger ist unverwechselbar gebaut: langgestreckt, im Querschnitt fast rund, mit winzigen Schuppen, die tief in einer dicken Schleimschicht liegen. Diese Schleimschicht macht ihn ausgesprochen glitschig und schützt ihn vor dem Austrocknen sowie vor Krankheitserregern im faulschlammigen Wasser.
Die Grundfärbung ist bräunlich bis olivbraun. Charakteristisch sind mehrere dunkle Längsstreifen, die sich über die ganze Körperlänge ziehen: ein breites Band entlang der Seitenlinie, darüber und darunter je ein schmaleres. Der Bauch ist gelblich bis kräftig orange gefärbt. Rund um das kleine, unterständige Maul sitzen zehn Barteln, sechs längere an der Oberlippe und vier kürzere an der Unterlippe. Diese Zehnzahl ist das sicherste Bestimmungsmerkmal.
Darmatmung: Luft holen statt ersticken
Die auffälligste Anpassung des Schlammpeitzgers ist seine Fähigkeit zur Darmatmung. Steigt der Sauerstoffgehalt im Wasser unter einen kritischen Wert, schwimmt er an die Oberfläche, schnappt Luft und presst sie in den hinteren Darmabschnitt. Dessen Wand ist stark durchblutet und dünn genug, um Sauerstoff direkt ins Blut aufzunehmen. Die verbrauchte Luft entweicht über den After.
Damit erschließt sich der Fisch Gewässer, in denen praktisch keine andere Art überleben kann: stark verschlammte, im Sommer nahezu sauerstofffreie Tümpel und Gräben. In sauerstoffreichem Wasser nutzt er die Darmatmung kaum, in warmen Sommermonaten kann sie dagegen den größten Teil seines Bedarfs decken.
Der Wetterfisch im Einmachglas
Weil der Schlammpeitzger auf sinkenden Luftdruck mit hektischem Umherschwimmen und häufigem Luftschnappen reagiert, hielt man ihn früher in Gläsern als lebendes Barometer. Daher stammen die Volksnamen Wetterfisch, Gewitterfisch und Wetterprophet. Die Beobachtung stimmt tatsächlich: Fällt der Luftdruck, dehnt sich die Luft im Darm aus und stört den Auftrieb des Fisches, was ihn zum Nachjustieren zwingt. Eine Wettervorhersage im eigentlichen Sinne ist das nicht, wohl aber eine erstaunlich zuverlässige Reaktion auf aufziehende Tiefdruckgebiete.
Verwechslungsgefahr mit anderen Arten
Am ehesten wird der Schlammpeitzger mit zwei anderen kleinen Bodenfischen verwechselt. Der Steinbeißer (Cobitis taenia) bleibt mit 8 bis 12 Zentimetern deutlich kleiner, ist seitlich stark abgeflacht, trägt nur sechs Barteln und besitzt einen aufrichtbaren Dorn unter dem Auge. Die Bachschmerle (Barbatula barbatula) hat ebenfalls sechs Barteln, ist marmoriert statt längsgestreift und lebt in klaren, kiesigen Bächen, also genau gegenteilig zum Schlammpeitzger.
Junge Aale ähneln ihm auf den ersten Blick in der Körperform, haben aber keine Barteln und eine durchgehende Flossensaum-Kante von der Rückenflosse um das Schwanzende herum.
Kann man gezielt auf den Schlammpeitzger angeln?
Nein, und zwar aus rechtlichen Gründen. Der Schlammpeitzger gehört zu den Arten, die in Deutschland flächendeckend unter Schutz stehen. Ein gezieltes Beangeln ist verboten, unabhängig von Gewässer, Jahreszeit oder Größe des Fisches.
Schonzeiten und Schutzstatus
Der Schlammpeitzger ist in allen 16 Bundesländern ganzjährig geschützt und zählt damit zu den wenigen Arten, bei denen sich die Landesverordnungen vollständig einig sind. Zusätzlich ist er in Anhang II der europäischen FFH-Richtlinie gelistet, was die Mitgliedsstaaten verpflichtet, eigene Schutzgebiete für die Art auszuweisen. In den Roten Listen der Bundesländer wird er überwiegend als gefährdet bis stark gefährdet geführt.
Welche Arten in deinem Bundesland darüber hinaus geschützt sind, findest du in unserer Übersicht der Schonzeiten und Mindestmaße.
Was tun beim Beifang?
Zu Gesicht bekommen Angler den Schlammpeitzger fast nur zufällig, etwa beim Keschern von Köderfischen in Gräben oder beim Grundangeln in Altarmen. In diesem Fall gilt: Fisch mit nassen Händen anfassen, Haken vorsichtig lösen und das Tier sofort ins selbe Gewässer zurücksetzen. Wegen der empfindlichen Schleimschicht sollte man ihn möglichst gar nicht erst aus dem Wasser heben. Als Köderfisch darf er auf keinen Fall verwendet werden, auch nicht tot.
Wer einen Fund melden möchte, ist bei der unteren Naturschutzbehörde oder dem zuständigen Landesfischereiverband richtig. Nachweise dieser Art sind für das Monitoring wertvoll, weil sie so selten beobachtet wird.
Warum der Bestand zurückgeht
Der Rückgang des Schlammpeitzgers ist fast vollständig hausgemacht. Entwässerung von Feuchtgebieten, Begradigung und Ausbau von Flüssen, das Abtrennen von Altarmen und die regelmäßige maschinelle Grabenräumung zerstören genau die Lebensräume, auf die er angewiesen ist. Kommt Fischbesatz in solche Kleingewässer, verschärft das die Lage zusätzlich, denn der schlanke Bodenfisch ist eine leichte Beute.
Wie ernst die Lage schon vor Jahrzehnten eingeschätzt wurde, zeigt ein Blick in die Liste der Arten des Jahres: Bereits 1987 wurde der Schlammpeitzger zum Fisch des Jahres gewählt, um auf den Verlust von Feuchtgebieten und Kleingewässern aufmerksam zu machen.
Positiv wirkt dagegen alles, was Kleingewässer erhält: schonende, abschnittsweise Grabenräumung außerhalb der Laichzeit, das Wiederanbinden von Altarmen, der Erhalt von Feuchtwiesen und der Verzicht auf Besatz in flachen Tümpeln. In mehreren Bundesländern laufen inzwischen gezielte Artenhilfsprogramme, in denen genau solche Maßnahmen umgesetzt werden.



