Invasive Fisch- und Krebsarten in Deutschland

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Schwarzmundgrundeln am Rhein, Signalkrebse in Bächen und Wollhandkrabben, die nachts durch Uferwiesen wandern: Immer mehr Tierarten, die ursprünglich gar nicht nach Deutschland gehören, breiten sich in unseren Gewässern aus. Manche wurden bewusst eingesetzt, andere kamen als blinde Passagiere im Ballastwasser von Frachtschiffen oder wurden aus Aquarien und Gartenteichen “freigelassen”. In diesem Artikel stellen wir dir die wichtigsten invasiven Fisch- und Krebsarten in Deutschland vor, erklären, woher sie stammen, warum sie unseren Ökosystemen schaden - und ob man sie wenigstens sinnvoll verwerten, sprich: essen kann.
Was macht eine Art invasiv?
Nicht jede eingewanderte Art ist automatisch ein Problem. Biologen unterscheiden deshalb zwischen gebietsfremden Arten (Neobiota), die durch den Menschen in ein neues Gebiet gelangt sind, und invasiven Arten, die sich dort massenhaft ausbreiten und dabei heimische Arten verdrängen, Lebensräume verändern, Krankheiten übertragen oder wirtschaftliche Schäden anrichten.
Als Stichtag gilt in Europa üblicherweise das Jahr 1492: Arten, die nach der Entdeckung Amerikas durch den zunehmenden weltweiten Handel zu uns kamen, werden als Neozoen bezeichnet. Die wichtigsten Einwanderungswege in unsere Gewässer sind:
- Ballastwasser der Schifffahrt: Frachtschiffe nehmen in fernen Häfen Wasser samt Larven und Jungtieren auf und pumpen es bei uns wieder ab.
- Kanäle: Der Main-Donau-Kanal verbindet seit 1992 das Donau- mit dem Rheinsystem und öffnete vielen Arten aus dem Schwarzmeerraum den Weg nach Westeuropa.
- Gezielter Besatz: Etliche Arten wurden ganz bewusst für Fischzucht, Angelsport oder zur “Gewässerpflege” eingesetzt - oft mit fatalen Spätfolgen.
- Aquarien- und Terrarienhandel: Ausgesetzte Ziertiere wie Sonnenbarsche oder Marmorkrebse gründen im Freiland stabile Populationen.
Die EU begegnet dem Problem mit der Verordnung Nr. 1143/2014 und der sogenannten Unionsliste invasiver Arten (alle Details und die vollständige Liste beim Bundesamt für Naturschutz). Für gelistete Arten gelten strenge Regeln: Sie dürfen nicht gehalten, gezüchtet, lebend transportiert, verkauft oder in die Natur entlassen werden. Mehrere der hier vorgestellten Arten stehen auf dieser Liste.
Invasive Fischarten in Deutschland
Schwarzmundgrundel (Neogobius melanostomus)

Kaum eine Art hat unsere Flüsse in den letzten 20 Jahren so verändert wie die Schwarzmundgrundel. Der kleine, bodenlebende Fisch mit dem charakteristischen schwarzen Fleck auf der vorderen Rückenflosse stammt ursprünglich aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer sowie den Unterläufen der dort mündenden Flüsse.
Herkunft und Einwanderung: Nach Deutschland gelangte die Schwarzmundgrundel vor allem im Ballastwasser von Frachtschiffen sowie über den Main-Donau-Kanal. In der Donau wurde sie Ende der 1990er Jahre erstmals nachgewiesen, 2008 tauchte sie im Rhein auf. Seitdem hat sie sich explosionsartig ausgebreitet: In manchen Abschnitten von Rhein und Main stellt sie heute den Großteil des gesamten Fischbestands am Gewässergrund.
Warum sie problematisch ist: Schwarzmundgrundeln sind extrem anpassungsfähig und vermehren sich mehrmals pro Saison, wobei das Männchen das Gelege aggressiv bewacht. Sie fressen Fischlaich und Jungfische und konkurrieren mit heimischen Bodenfischen wie Groppe, Schmerle und Gründling um Nahrung und Verstecke - Arten, die vielerorts bereits massiv zurückgegangen sind. Auch Muscheln und andere Wirbellose stehen auf ihrem Speiseplan.
Verwendung: Die gute Nachricht: Die Schwarzmundgrundel ist essbar und schmeckt richtig gut. Ihr festes, weißes Fleisch erinnert an Barsch; im Schwarzmeerraum ist sie seit jeher ein geschätzter Speisefisch. Wegen ihrer geringen Größe filetiert man sie meist nicht, sondern brät sie ausgenommen und paniert im Ganzen - oder verarbeitet sie zu Frikadellen. Alle Infos zum gezielten Fang findest du in unserem Porträt der Schwarzmundgrundel.
Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva)

Der nur acht bis zehn Zentimeter kleine Blaubandbärbling ist auf den ersten Blick unscheinbar - und gehört doch zu den problematischsten Fischarten Europas. Er steht auf der EU-Unionsliste invasiver Arten.
Herkunft und Einwanderung: Seine Heimat liegt in Ostasien, vom Amur über China und Korea bis Japan. Nach Europa kam er in den 1960er Jahren unbeabsichtigt mit Besatzlieferungen asiatischer Karpfenarten - zunächst nach Rumänien, von dort verbreitete er sich über Teichwirtschaften und Besatzmaßnahmen in fast ganz Europa. In Deutschland ist er vor allem in stehenden und langsam fließenden Gewässern zu finden.
Warum er problematisch ist: Der Blaubandbärbling vermehrt sich rasant und konkurriert mit den Jungfischen heimischer Arten um Plankton und Kleintiere. Sein gefährlichstes Gepäck ist jedoch unsichtbar: Er kann den Einzeller Sphaerothecum destruens übertragen, einen Erreger, der für ihn selbst harmlos ist, für heimische Arten wie das ohnehin bedrohte Moderlieschen aber tödlich sein kann. Zudem wurde beobachtet, dass Blaubandbärblinge geschwächte Fische anknabbern und deren Haut verletzen.
Verwendung: Für die Küche ist der Winzling schlicht zu klein. Als Köderfisch darf er nicht verwendet werden - schon der lebende Transport ist als Unionslisten-Art verboten und würde die Ausbreitung nur weiter fördern.
Sonnenbarsch (Lepomis gibbosus)

Mit seinen leuchtenden Farben sieht der Sonnenbarsch aus wie ein entlaufener Aquarienfisch - und genau das ist er in vielen Fällen auch. Seit 2019 steht er auf der EU-Unionsliste.
Herkunft und Einwanderung: Der Sonnenbarsch stammt aus dem östlichen Nordamerika. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde er als Zierfisch nach Europa importiert. In deutsche Gewässer gelangte er hauptsächlich durch ausgesetzte Aquarien- und Gartenteichbewohner sowie unbeabsichtigt mit Besatzfischen. Besonders wohl fühlt er sich in warmen, stehenden Gewässern - Baggerseen, Teichen und Altarmen.
Warum er problematisch ist: Sonnenbarsche fressen mit Vorliebe Laich und Larven - von Fischen ebenso wie von Amphibien und Libellen. In kleinen, warmen Gewässern können sie Massenbestände aus lauter kleinwüchsigen Tieren bilden und dort ganze Lebensgemeinschaften umkrempeln. Molche, Frösche und seltene Kleinfischarten haben dann kaum noch Nachwuchs.
Verwendung: In seiner Heimat USA gehört der “Pumpkinseed” zu den beliebten “Panfish” - kleine Fische, die in der Pfanne gebraten werden. Sein Fleisch ist weiß und wohlschmeckend, die Ausbeute wegen der geringen Größe allerdings überschaubar. Mehr zur Art erfährst du im Porträt des Sonnenbarschs.
Graskarpfen (Ctenopharyngodon idella)

Der Graskarpfen, auch Weißer Amur genannt, wurde nicht eingeschleppt, sondern ganz bewusst eingesetzt - als lebender “Rasenmäher” gegen Wasserpflanzen.
Herkunft und Einwanderung: Seine Heimat sind die großen Flüsse Ostasiens, allen voran der Amur an der russisch-chinesischen Grenze. In den 1960er und 1970er Jahren wurde er in beiden deutschen Staaten zur biologischen “Entkrautung” von Teichen, Kanälen und Baggerseen eingeführt. Bis heute stammen praktisch alle Graskarpfen in Deutschland aus Besatz, denn zur natürlichen Fortpflanzung benötigt die Art lange, warme Ströme mit starker Strömung - Bedingungen, die unsere Flüsse (noch) nicht bieten.
Warum er problematisch ist: Ein großer Graskarpfen frisst täglich Wasserpflanzen in der Größenordnung seines halben bis ganzen Körpergewichts. Wird zu dicht besetzt, räumt er ein Gewässer regelrecht leer: Mit den Unterwasserpflanzen verschwinden Laichplätze, Kinderstuben und Verstecke für Jungfische, Amphibien und Wirbellose. Die freigesetzten Nährstoffe fördern Algenblüten, das Wasser wird trüb, und das ökologische Gleichgewicht kippt. Was als Gewässerpflege gedacht war, entpuppte sich vielerorts als Kahlschlag unter Wasser.
Verwendung: Graskarpfen sind gute Speisefische mit festem, hellem Fleisch, das weniger “moosig” schmeckt als das mancher Karpfen. Wie alle Karpfenartigen haben sie allerdings viele Zwischenmuskelgräten - klassische Zubereitungen sind Braten mit eingeschnittenen (geschröpften) Filets, Räuchern oder die Verarbeitung zu Fischklößen. Für Angler ist der bis über einen Meter lange Pflanzenfresser zudem ein extrem kampfstarker Gegner. Mehr dazu im Porträt des Graskarpfens.
Silberkarpfen und Marmorkarpfen (Hypophthalmichthys)

Gemeinsam mit dem Graskarpfen kamen zwei weitere asiatische Großfische zu uns: der Silberkarpfen (Hypophthalmichthys molitrix) und der Marmorkarpfen (Hypophthalmichthys nobilis), oft zusammen als “Tolstolob” bezeichnet.
Herkunft und Einwanderung: Beide Arten stammen aus den großen Flusssystemen Chinas und des Amurgebiets. Sie wurden ab den 1960er Jahren als Nutzfische eingeführt: Silberkarpfen sollten als Planktonfresser Algenblüten eindämmen, Marmorkarpfen die Teichwirtschaft ergänzen. Wie der Graskarpfen pflanzen sie sich bei uns praktisch nicht natürlich fort - die Bestände gehen auf Besatz zurück, halten sich aber dank der Langlebigkeit der Tiere über Jahrzehnte.
Warum sie problematisch sind: Als hocheffiziente Filtrierer konkurrieren sie direkt mit den Jungfischen fast aller heimischen Arten sowie mit Muscheln und Kleinkrebsen um Plankton - die Nahrungsgrundlage des gesamten Gewässers. In den USA, wo sich beide Arten (“Asian Carp”) massenhaft vermehren, kann man beobachten, welches Zerstörungspotenzial in ihnen steckt, wenn die Fortpflanzung gelingt.
Verwendung: In Osteuropa und Asien sind beide Arten geschätzte Speisefische; ihr Fleisch ist hell und schmackhaft, aber grätenreich. Geräuchert oder als Hackmasse für Frikadellen und Klöße lassen sie sich gut verwerten.
Zwergwels und Katzenwels (Ameiurus melas und Ameiurus nebulosus)

Die beiden nordamerikanischen Zwergwelsarten - der Schwarze Zwergwels (Ameiurus melas) und der Braune Katzenwels (Ameiurus nebulosus) - sind leicht an ihren acht Barteln und der fehlenden Beschuppung zu erkennen. Sie werden bei uns meist nur 20 bis 35 Zentimeter lang.
Herkunft und Einwanderung: Beide Arten stammen aus dem östlichen Nordamerika und wurden ab etwa 1885 als Zier- und Zuchtfische nach Europa gebracht. Aus Teichanlagen und Aquarien entkommen oder ausgesetzt, haben sie sich vor allem in warmen, stehenden Gewässern etabliert - regional, etwa in Brandenburg, teils in großer Dichte.
Warum sie problematisch sind: Zwergwelse sind unglaublich zäh: Sie ertragen Sauerstoffmangel, hohe Temperaturen und schlechte Wasserqualität. In flachen Teichen und Altarmen bilden sie Massenbestände aus verbutteten Tieren, fressen Laich, Jungfische und Wirbellose und graben bei der Nahrungssuche den Gewässergrund um, was das Wasser trübt. Ihre mit Giftdrüsen versehenen Brust- und Rückenflossenstacheln machen sie zudem für viele Räuber unattraktiv - natürliche Feinde haben sie kaum.
Verwendung: In den USA sind “Bullheads” und ihre größeren Verwandten, die Catfish, beliebte Speisefische. Ihr grätenfreies, zartes Fleisch ist ausgezeichnet - das Problem ist eher die geringe Größe der hiesigen Tiere. Wer eine Stelle mit gut abgewachsenen Exemplaren kennt, bekommt einen erstklassigen Pfannenfisch. Vorsicht beim Abhaken vor den Stacheln!
Giebel (Carassius gibelio)

Der Giebel ist der unbekannteste Fisch in dieser Liste - viele Angler halten ihn für eine Karausche oder einen kleinen Karpfen. Dabei ist er ein Musterbeispiel für eine leise, aber folgenreiche Invasion.
Herkunft und Einwanderung: Der Giebel stammt vermutlich aus Ostasien und gelangte - wahrscheinlich schon vor Jahrhunderten mit Karpfenbesatz - nach Europa. Er ist die wilde Stammform des Goldfischs, weshalb auch ausgesetzte Goldfische immer wieder zu neuen Giebel-Beständen beitragen.
Warum er problematisch ist: Der Giebel hat einen einzigartigen Fortpflanzungstrick: die Gynogenese. Giebel-Weibchen können ihre Eier durch das Sperma anderer Karpfenfische (etwa Karpfen oder Karauschen) lediglich zur Entwicklung anregen - es entstehen Klone der Mutter, ganz ohne genetischen Beitrag des Vaters. So kann theoretisch ein einziges Weibchen eine ganze Population gründen. Der robuste Giebel verdrängt vor allem die eng verwandte, stark gefährdete heimische Karausche, mit der er zudem hybridisiert.
Verwendung: Der Giebel ist essbar und schmeckt ähnlich wie Karausche oder Karpfen, ist aber grätenreich. In Osteuropa wird er traditionell gebraten oder für Fischsuppen verwendet.
Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss)

Zum Abschluss der Fische ein Sonderfall: Die Regenbogenforelle ist der wohl beliebteste “Einwanderer” Deutschlands - und zeigt, dass die Grenze zwischen Nutzfisch und Problemart fließend sein kann.
Herkunft und Einwanderung: Die Regenbogenforelle stammt von der Pazifikküste Nordamerikas. Ab den 1880er Jahren wurde sie zu Zuchtzwecken nach Europa geholt und ist heute der mit Abstand wichtigste Fisch der deutschen Teichwirtschaft. In unzählige Angelgewässer wird sie regelmäßig besetzt.
Warum sie problematisch sein kann: Anders als die meisten Arten dieser Liste pflanzt sich die Regenbogenforelle in Deutschland nur ausnahmsweise natürlich fort - die Bestände hängen fast überall am Besatz. Wo sie aber in Bachforellen- und Äschenregionen eingebracht wird, konkurriert sie mit den heimischen Salmoniden um Nahrung und Einstände, frisst deren Brut und kann Krankheiten aus Zuchtanlagen in Wildbestände eintragen. In sensiblen Gewässern ist Regenbogenforellen-Besatz deshalb vielerorts untersagt.
Verwendung: Hier gibt es nichts zu diskutieren: Die Regenbogenforelle ist einer der besten und beliebtesten Speisefische überhaupt - gebraten, geräuchert, gegrillt oder als Forelle Müllerin. Alles zu Fang und Zubereitung findest du im Porträt der Regenbogenforelle.
Invasive Krebsarten in Deutschland
Bei den Flusskrebsen ist die Lage noch dramatischer als bei den Fischen. Deutschland hat ursprünglich nur drei heimische Flusskrebsarten: den Edelkrebs (Astacus astacus), den Steinkrebs (Austropotamobius torrentium) und - in wenigen Regionen - den Dohlenkrebs (Austropotamobius pallipes). Alle drei sind heute vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet. Hauptursache ist neben Gewässerverbau und Verschmutzung vor allem eine Krankheit, die mit den amerikanischen Einwanderern kam: die Krebspest.
Exkurs: Die Krebspest
Die Krebspest wird durch den Eipilz Aphanomyces astaci ausgelöst. Nordamerikanische Krebsarten haben sich über Jahrtausende an den Erreger angepasst - sie tragen ihn oft in sich, erkranken aber in der Regel nicht. Für europäische Flusskrebse dagegen verläuft eine Infektion fast immer tödlich: Bricht die Krebspest in einem Gewässer aus, stirbt der gesamte heimische Krebsbestand meist innerhalb weniger Wochen.
Die Sporen des Erregers verbreiten sich nicht nur über die Krebse selbst, sondern auch über feuchte Angelausrüstung - Kescher, Watstiefel, Wathosen, Setzkescher, Boote und Köderfischeimer. Wer in verschiedenen Gewässern unterwegs ist, sollte seine Ausrüstung deshalb gründlich trocknen lassen (mindestens 24 bis 48 Stunden) oder desinfizieren, bevor es ans nächste Wasser geht. Das ist der wichtigste Beitrag, den jeder Angler zum Schutz der letzten Edelkrebs-Bestände leisten kann.
Kamberkrebs (Faxonius limosus)

Der Kamberkrebs ist heute der häufigste Flusskrebs Deutschlands - und der älteste amerikanische Einwanderer unter den Krebsen. Zu erkennen ist er an den rostroten Querbinden auf den Hinterleibssegmenten und den Dornen an den Seiten des Kopfpanzers.
Herkunft und Einwanderung: Er stammt aus dem östlichen Nordamerika. Seine Ankunft in Deutschland lässt sich auf das Jahr genau datieren: 1890 setzte der Fischzüchter Max von dem Borne rund 100 Tiere in einen Zufluss der Oder - als Ersatz für die damals bereits von der Krebspest dahingerafften Edelkrebse. Eine gut gemeinte Idee mit fatalen Folgen, denn der Kamberkrebs erwies sich selbst als Überträger genau dieser Seuche. Heute besiedelt er nahezu alle größeren Flüsse und viele Seen Deutschlands und steht auf der EU-Unionsliste.
Warum er problematisch ist: Als Dauerausscheider der Krebspest macht er jede Rückkehr des Edelkrebses in besiedelte Gewässer unmöglich. Zudem konkurriert er mit heimischen Arten um Nahrung und Verstecke, frisst Laich, Jungfische, Wasserpflanzen und Wirbellose und erreicht dabei enorme Bestandsdichten.
Verwendung: Der Kamberkrebs ist essbar und schmeckt angenehm nach Flusskrebs, bleibt mit 10 bis 12 Zentimetern aber deutlich kleiner als Edel- oder Signalkrebs. Die Ausbeute pro Tier ist gering - wer sich die Arbeit macht, wird mit feinem Schwanzfleisch und einer würzigen Basis für Krebssuppen und Fonds belohnt.
Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus)

Der Signalkrebs ist das amerikanische Ebenbild unseres Edelkrebses - und genau das machte ihn so gefährlich. Sein Erkennungszeichen ist der namensgebende weiß-türkise “Signalfleck” am Scherengelenk.
Herkunft und Einwanderung: Seine Heimat ist der Nordwesten der USA und Kanadas. Nachdem die Krebspest die europäischen Bestände vernichtet hatte, suchte man nach einem wirtschaftlichen Ersatz - und wurde beim äußerlich ähnlichen, schnellwüchsigen Signalkrebs fündig. Ab 1959 wurde er zunächst in Schweden, ab den 1970er Jahren auch in Deutschland gezielt ausgesetzt. Heute ist er in vielen Regionen die dominierende Krebsart, auch er steht auf der EU-Unionsliste.
Warum er problematisch ist: Der Signalkrebs ist chronischer Träger der Krebspest und dringt - anders als der eher träge Kamberkrebs - auch in kühle, saubere Oberläufe vor, also genau in die letzten Rückzugsgebiete von Edel- und Steinkrebs. Selbst ohne Krebspest verdrängt er die heimischen Arten durch seine höhere Vermehrungsrate und Aggressivität. Seine Wohnröhren können zudem Uferböschungen destabilisieren.
Verwendung: Kulinarisch ist der Signalkrebs die attraktivste invasive Krebsart: groß, fleischig und im Geschmack vom Edelkrebs kaum zu unterscheiden. In Schweden bildet er längst die Grundlage der traditionellen Krebsfeste (“Kräftskiva”). Klassisch wird er in einem kräftigen Sud mit Dill gekocht; das Schwanz- und Scherenfleisch erinnert an Hummer.
Roter Amerikanischer Sumpfkrebs (Procambarus clarkii)

Spätestens seit 2017 Bilder von leuchtend roten Krebsen kursierten, die durch den Berliner Tiergarten spazierten, kennt ihn ganz Deutschland: den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs, auch Louisiana-Flusskrebs genannt.
Herkunft und Einwanderung: Er stammt aus dem Süden der USA und Nordmexiko, vor allem aus den Sumpfgebieten Louisianas. Nach Deutschland kam er über den Aquarienhandel - ausgesetzte oder entkommene Tiere gründeten wilde Populationen, besonders in Stadtgewässern mit milden Wintern. Auch er steht auf der EU-Unionsliste.
Warum er problematisch ist: Der Sumpfkrebs ist ein Überlebenskünstler: Er erträgt Wärme, Sauerstoffmangel und zeitweises Trockenfallen, gräbt bis zu meterlange Wohnröhren, die Ufer und Dämme beschädigen können, und wandert nachts sogar über Land in benachbarte Gewässer. Er überträgt die Krebspest, frisst Amphibienlaich, Kaulquappen, Wasserpflanzen und Wirbellose und kann Kleingewässer regelrecht leerräumen.
Verwendung: In seiner Heimat ist er der Star der Cajun-Küche: Die berühmten “Crawfish Boils” in Louisiana, bei denen Sumpfkrebse kiloweise mit Mais und Kartoffeln gekocht werden, basieren genau auf dieser Art. Auch in Deutschland wurden die Berliner “Tiergarten-Krebse” zeitweise gefangen und in Restaurants serviert. Sein Fleisch ist würzig und aromatisch - wer die Gelegenheit hat, sollte zugreifen.
Marmorkrebs (Procambarus virginalis)

Der Marmorkrebs ist eine biologische Kuriosität - und gerade deshalb so gefährlich. Er ist die einzige bekannte Zehnfußkrebs-Art der Welt, die sich ausschließlich eingeschlechtlich fortpflanzt.
Herkunft und Einwanderung: Der Marmorkrebs hat streng genommen gar keine natürliche Heimat: Er entstand vermutlich erst in den 1990er Jahren im Aquarienhandel als parthenogenetische Mutation des amerikanischen Everglades-Sumpfkrebses. Alle Marmorkrebse weltweit sind Weibchen - und genetisch identische Klone. Über ausgesetzte Aquarientiere gelangte er in deutsche Gewässer; auf der EU-Unionsliste steht er ebenfalls.
Warum er problematisch ist: Da sich jedes einzelne Tier ohne Partner vermehren kann, reicht ein einziger ausgesetzter Krebs zur Gründung einer neuen Population. Wie seine amerikanischen Verwandten kann er die Krebspest übertragen und konkurriert mit heimischen Arten. Wie schnell das gehen kann, zeigt Madagaskar, wo ausgesetzte Marmorkrebse binnen weniger Jahre riesige Landesteile besiedelt haben.
Verwendung: Der Marmorkrebs ist essbar, bleibt aber mit rund 10 Zentimetern klein, sodass die Verwertung mühsam ist. Wichtiger ist hier die Botschaft an alle Aquarianer: Niemals Tiere in die Natur entlassen - beim Marmorkrebs genügt buchstäblich ein Exemplar für eine Invasion.
Galizierkrebs (Pontastacus leptodactylus)

Der Galizierkrebs oder Galizische Sumpfkrebs nimmt eine Sonderrolle ein: Er ist zwar gebietsfremd, aber als europäische Art kein Überträger der Krebspest - im Gegenteil, er stirbt an ihr genauso wie unsere heimischen Krebse.
Herkunft und Einwanderung: Er stammt aus Osteuropa und dem Schwarzmeerraum - Galizien ist eine historische Region in der heutigen Ukraine und Polen. Ab dem 19. Jahrhundert wurde er als Speisekrebs und Edelkrebs-Ersatz nach Mitteleuropa importiert und vielerorts ausgesetzt.
Warum er problematisch ist: Verglichen mit den amerikanischen Arten ist der Galizierkrebs ein kleines Problem. Er konkurriert allerdings mit dem Edelkrebs um Lebensraum und Nahrung und kann ihn lokal verdrängen. Da er selbst pestanfällig ist, brechen seine Bestände beim Kontakt mit amerikanischen Krebsen ebenfalls zusammen.
Verwendung: Der Galizierkrebs ist ein klassischer Speisekrebs mit langen, schlanken Scheren, der bis heute im Handel angeboten wird. Geschmacklich steht er dem Edelkrebs kaum nach und eignet sich hervorragend für Krebsgerichte aller Art.
Chinesische Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis)

Die Wollhandkrabbe ist die einzige Krabbenart, die sich in deutschen Binnengewässern etabliert hat. Unverwechselbar sind die dichten, pelzartigen “Wollhandschuhe” an den Scheren der Männchen.
Herkunft und Einwanderung: Sie stammt von der Pazifikküste Chinas und Koreas und kam um 1912 im Ballastwasser von Frachtschiffen nach Deutschland - der erste Nachweis gelang in der Aller. Heute ist sie in Elbe, Weser, Ems, Rhein und deren Nebenflüssen weit verbreitet. Ihr Lebenszyklus ist bemerkenswert: Die Krabben leben im Süßwasser, müssen zur Fortpflanzung aber ins Meer zurückwandern. Dabei legen sie Hunderte Kilometer zurück - notfalls auch über Land, weshalb immer wieder Wollhandkrabben auf Straßen und in Gärten auftauchen. Auch sie steht auf der EU-Unionsliste.
Warum sie problematisch ist: Bei ihren Massenwanderungen treten Wollhandkrabben zu Millionen auf. Ihre Wohnhöhlen durchlöchern Uferböschungen und Deiche, was ernsthafte wasserbauliche Schäden verursacht. Berufsfischer klagen über zerschnittene Netze und angefressene Fänge; zudem frisst die Allesfresserin Fischlaich, Wirbellose und Wasserpflanzen und konkurriert mit heimischen Arten.
Verwendung: Was bei uns als Plage gilt, ist in China eine teure Delikatesse: Die “Shanghai-Haarkrabbe” wird dort zu Spitzenpreisen gehandelt, besonders geschätzt sind die Weibchen mit Rogen. Deutsche Fischer, denen die Krabben massenhaft in die Reusen gehen, exportieren einen Teil der Fänge inzwischen nach Asien. Auch hierzulande kann man sie essen - traditionell gekocht, wobei vor allem das Scherenfleisch und der Panzerinhalt verwertet werden.
Übrigens: Wels und Zander sind keine invasiven Arten
Immer wieder werden auch Wels und Zander als “invasiv” bezeichnet, wenn sie sich in einem Gewässer stark vermehren. Das ist fachlich falsch: Beide Arten sind in weiten Teilen Deutschlands heimisch - der Wels etwa in den Einzugsgebieten von Donau, Elbe und Oder, der Zander in den großen Strömen des Nordostens. Dass sie sich mit dem Klimawandel ausbreiten oder durch Besatz in neue Regionen gelangt sind, macht sie nicht zu Neozoen im Sinne der EU-Verordnung. Wo eine heimische Art durch veränderte Bedingungen häufiger wird, spricht man von einer Arealverschiebung - ein Problem kann das lokal trotzdem sein, rechtlich gelten aber ganz andere Regeln als für gelistete invasive Arten.
Rechtliche Lage: Was Angler beachten müssen
Für Angler ergeben sich aus der EU-Verordnung 1143/2014 und den Landesfischereigesetzen einige wichtige Grundsätze:
- Nicht zurücksetzen: Gefangene invasive Arten dürfen in den meisten Bundesländern nicht wieder ins Gewässer zurückgesetzt werden. Teilweise besteht eine ausdrückliche Entnahmepflicht. Maßgeblich sind das jeweilige Landesrecht und die Bestimmungen des Gewässerbewirtschafters im Erlaubnisschein.
- Kein Lebendtransport: Arten der Unionsliste (z. B. Kamberkrebs, Signalkrebs, Sumpfkrebs, Marmorkrebs, Wollhandkrabbe, Blaubandbärbling, Sonnenbarsch) dürfen nicht lebend transportiert, gehalten oder weitergegeben werden. Wer sie verwerten will, tötet sie waidgerecht direkt am Gewässer.
- Nicht als Köderfisch verwenden: Invasive Kleinfische wie Grundeln oder Blaubandbärblinge dürfen nicht lebend als Köder eingesetzt und vor allem nicht an andere Gewässer mitgenommen werden - genau so verbreiten sie sich weiter.
- Kein eigenmächtiger Besatz: Das Aussetzen gebietsfremder Arten ist verboten und kann als Straftat verfolgt werden. Das gilt auch für den Gartenteich-Goldfisch im Vereinssee und den Aquarienkrebs im Stadtpark.
- Ausrüstung trocknen und desinfizieren: Zum Schutz vor der Krebspest sollte feuchte Ausrüstung vor dem Wechsel an ein anderes Gewässer gründlich getrocknet oder desinfiziert werden.
- Schonzeiten und Mindestmaße: Für invasive Arten gelten in der Regel keine Schonzeiten und Mindestmaße - verbindlich ist aber auch hier, was im Erlaubnisschein steht.
Beim gezielten Krebsfang ist zusätzlich zu beachten: In vielen Bundesländern ist das Fangen von Krebsen mit Reusen genehmigungspflichtig und nicht automatisch mit dem Fischereischein abgedeckt. Informiere dich vorab beim Gewässerbewirtschafter oder der zuständigen Fischereibehörde.
Kann man invasive Arten essen?
Die kurze Antwort: Ja, fast alle - und es ist sogar sinnvoll. Jedes entnommene und verwertete Tier ist eines weniger im Gewässer, und die meisten der vorgestellten Arten sind kulinarisch mindestens einen Versuch wert:
- Schwarzmundgrundel: fest, weiß, barschartig - paniert und knusprig gebraten ein Genuss, auch als Fischfrikadelle.
- Sonnenbarsch und Zwergwels: klassische “Panfish” - klein, aber sehr schmackhaft.
- Graskarpfen, Silber- und Marmorkarpfen: gute Speisefische, grätenreich, ideal geräuchert oder als Fischklöße.
- Regenbogenforelle: einer der beliebtesten Speisefische überhaupt.
- Signalkrebs: der Star unter den invasiven Krebsen - wie Edelkrebs zuzubereiten, klassisch im Dillsud.
- Roter Amerikanischer Sumpfkrebs: Grundlage der Cajun-Küche Louisianas, würzig und aromatisch.
- Kamberkrebs und Marmorkrebs: essbar, aber klein - gut für Suppen und Fonds.
- Wollhandkrabbe: in China eine Delikatesse zu Spitzenpreisen.
Wichtig: Auch bei invasiven Arten gelten die üblichen Hygieneregeln. Krebse werden grundsätzlich lebensfrisch verarbeitet bzw. unmittelbar nach dem waidgerechten Töten gekocht. Bei Fischen und Krebsen aus belasteten Gewässern (etwa Hafenbecken oder Stadtkanälen) sollte man die Verzehrempfehlungen der Behörden beachten, da sich Schadstoffe im Gewebe anreichern können.