Auswirkungen des Klimawandels auf Fische und den Angelsport

Christoph Hein
Aktualisiert am 03.07.2023

Einfluss des Klimawandels auf den Angelsport

Wie beeinflusst der Klimawandel die Ökosysteme unserer Gewässer und damit auch den Angelsport in Deutschland? Diese Frage haben wir uns gestellt und dazu einen Experten befragt. Prof. Dr. Dietrich Borchardt ist Leiter des Forschungsbereiches „Wasserressourcen und Umwelt“ am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Magdeburg.

Schwerpunkt seiner Forschung ist die funktionale Ökologie aquatischer Systeme, fortschrittliche Umweltbeobachtungssysteme und innovative Modellierungswerkzeuge, um anthropogene Nutzungen und Belastungen in Bezug auf die Degradation und Regeneration des Wasserkreislaufs mit den damit verbundenen aquatischen Ökosystemen unter den Bedingungen des globalen Wandels kausal zu verstehen.

Prof. Dr. Dietrich Borchardt
Prof. Dr. Dietrich Borchardt

Interview mit Prof. Dr. Dietrich Borchardt

Wie stark beeinflusst der Klimawandel bereits die Gewässer in und um Deutschland? Gibt es Bereiche, die stärker betroffen sind als andere?

Prof. Dr. Dietrich Borchardt: Der Klimawandel beeinflusst den gesamten Wasserkreislauf bei uns bereits spürbar und damit praktisch alle unsere Fließgewässer, die Standgewässer, das Grundwasser und die Küstengewässer. Das betrifft insbesondere erhöhte Temperaturen, veränderte Wassermengen und Wasserstände, Dürren gepaart mit Hitzewellen, extreme Hochwasserereignisse, was eine Reihe von Kettenreaktionen in den Gewässer-Ökosystemen auslöst. Besonders stark betroffen sind erst einmal eher kleine Gewässer, wie Bäche, kleinere Fließgewässer und Altarme, die stark aufheizen oder trocken fallen. Dasselbe gilt für Teiche und kleinere Seen. Aber Auswirkungen sind auch in den großen Seen, Talsperren und den großen Flüssen messbar. Und wenn die Grundwasserstände sinken, so betrifft das auch die Wasserstände in den Fließgewässernetzen oder in den grundwasserabhängigen Standgewässern.

Starke Dürre- und Hitzeperioden beeinflussen die Pegelstände, wodurch sich Gewässer noch schneller aufheizen
Starke Dürre- und Hitzeperioden beeinflussen die Pegelstände, wodurch sich Gewässer noch schneller aufheizen

Konnten Sie in den vergangenen Monaten Veränderungen beim Laich- und Fressverhalten der Fische feststellen, welche auf ein verändertes Klima schließen lassen?

Prof. Dr. Dietrich Borchardt: Darüber sind mir für Deutschland keine aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen bekannt. Aber es ist von Einflüssen und Veränderungen auszugehen. Erreichen oder überschreiten beispielsweise die Temperaturen die Grenzbereiche, an die die jeweiligen Fischarten physiologisch angepasst sind, so stellen sie die Nahrungsaufnahme als Stressreaktion ein, bevor weiter erhöhte Temperaturen dann tödlich wirken. Aber es gibt auch indirekte Effekte, wenn zum Beispiel Fischlarven beim Übergang vom Dottersack zu fressfähigen Larven nicht die passende Nahrung finden, weil sich die unteren trophischen Ebenen der Nahrungsnetze (Algen, Zooplankton) temperaturbedingt voneinander entkoppelt haben. Fischlarven können dann verhungern und damit ganze Jahrgänge in Fischbeständen ausfallen, obwohl alle anderen Lebensbedingungen für sie günstig sind.

Das Laichverhalten ist hingegen nicht nur temperaturabhängig, sondern ganz stark auch von der Tageslänge gesteuert, die ja vom Klimawandel nicht beeinflusst wird, und anderen Faktoren. In Fließgewässern beispielsweise auch vom Abfluss. Und dann gibt es winter-, frühjahrs- und sommerlaichende Arten, die entsprechend unterschiedlich betroffen sein können, weil sich der Klimawandel in den Jahreszeiten, gerade auch bei den Temperaturen, sehr unterschiedlich bemerkbar macht. Eine allgemeine Antwort ist deshalb nicht zu geben.

Auch wenn es bisher keine Studien gibt - von einem direkten Einfluss des Klimawandels auf das Fress- und Laichverhalten der Fische ist auszugehen
Auch wenn es bisher keine Studien gibt – von einem direkten Einfluss des Klimawandels auf das Fress- und Laichverhalten der Fische ist auszugehen

Die Temperaturen steigen. Nicht nur im Jahresschnitt, sondern vor allem auch die extremen Hitzeperioden im Sommer haben stark zugenommen. Welche Auswirkungen dies für den Wasserstand hat, hat sich im vergangenen Jahr am Rhein mehr als deutlich gezeigt. Welche Konsequenzen sind ggf. durch niedrigere Wasserstände in den heißen Sommermonaten zu erwarten?

Prof. Dr. Dietrich Borchardt: Niedrige Pegelstände wurden auch in den anderen großen Flüssen in Deutschland in ähnlicher Weise wie im Rhein gemessen, mit zum Teil historisch niedrigen Wasserständen, zum Beispiel an der Mittelelbe. Das hat eine ganze Reihe von Konsequenzen: viele kleinere Fließgewässer, Seitenarme und Altwässer trockneten aus. Die kleineren Wasserkörper in den Hauptgerinnen heizten sich stärker auf, als bei Normalwasserständen. Aber was besonders gravierend ist, sind die Auswirkungen auf die Wasserqualität. Insbesondere die Abwasseranteile und die Salzfrachten werden mit abnehmenden Wasserständen in den Fließgewässern immer weniger verdünnt, mit Folgen durch ökologische Wirkungsketten, an deren Ende toxische Algenblüten stehen können. Deren Verlauf und Auswirkungen waren beim Fischsterben an der Oder im Sommer 2022 besonders drastisch zu beobachten. Aber diese traten regional auch an vielen anderen Gewässern auf, wie zum Beispiel schon im Hitzesommer 2018 im Aasee in Münster, mit einem Totalverlust des Fischbestandes.

Durch hohe Temperaturen sinkt der Sauerstoffgehalt in den Gewässern. Wie wirkt sich dies auf das Ökosystem in Seen und Flüssen aus?

Prof. Dr. Dietrich Borchardt: Der mit steigenden Temperaturen abnehmende Sauerstoffgehalt im Wasser folgt zunächst physikalischen Gesetzen. Bei 25 °C enthält Wasser rund 8 mg/l O₂, bei 30 °C sind es immer noch 7 mg/l O₂. Das sind Sauerstoffgehalte, die für die meisten Fische ausreichend sind, um zu überleben. In unseren Gewässern werden die Sauerstoffgehalte bei warmen Temperaturen aber sehr viel stärker von Algen, die Sauerstoff produzieren und Mikroorganismen, die Sauerstoff verbrauchen, beeinflusst. Dadurch kommt es im Tagesverlauf zu sehr großen Sauerstoffschwankungen mit hohen Übersättigungen am Tage und sehr niedrigen Werten in den Nachtstunden. Die Extremwerte können so hoch bzw. niedrig sein, dass sie für höhere Organismen, wie Fische, schädigend oder tödlich wirken.

Extreme Temperaturen schädigen die Organismen und sorgen nicht selten für ein Fischsterben
Extreme Temperaturen schädigen die Organismen und sorgen nicht selten für ein Fischsterben

Forscher warnen, dass aufgrund steigender CO₂-Emissionen die Weltmeere stetig versauern. Betrifft dies ebenfalls die Binnengewässer und wenn ja, welche Folgen würde dies langfristig haben?

Prof. Dr. Dietrich Borchardt: Das betrifft die Binnengewässer grundsätzlich in ähnlicher Weise, weil sie dasselbe chemische Puffersystem haben wie Meere und dieselben chemischen Reaktionen dahinterstehen (Kalk-Kohlensäure-Gleichgewicht). Der Unterschied sind aber die in den meisten Gewässern sehr viel höheren Kalkgehalte im Süßwasser, die durch die ständige Auswaschung aus Gesteinen gebildet werden, im Vergleich zum Salzwasser, in die diese durch die Süßwasserzuflüsse eingetragen, dort verteilt und verdünnt werden oder durch Fällung sedimentieren. Durch die vergleichsweise höheren Kalkgehalte sind die meisten Süßgewässer weniger gefährdet, aber in schwach gepufferten Gewässern sind dennoch langfristige Veränderungen im pH-Regime zu erwarten, wenn die Anstiege des CO₂ in der Atmosphäre so weitergehen wie bisher.

Studien berichten, dass viele Fischarten aufgrund steigender Temperaturen in kältere Gewässer Richtung Norden abwandern. Was bedeutet dies für die Ökosysteme in der Nord- und Ostsee?

Prof. Dr. Dietrich Borchardt: Das ist ein Phänomen, das im Grunde schon seit Jahrzehnten zu beobachten ist, besonders deutlich anhand der Fischfauna entlang der Kanal- und Nordseeküste, in die viele Fischarten, die eher typisch für mediterrane Gewässer oder die Biskaya sind, sich immer weiter nach Norden ausbreiten. Dazu zählen Meeräschen, Wolfsbarsche, Rotbarben, Streifenbarben, Petersfisch, um nur einige zu nennen. Gleichzeitig weichen Kaltwasserarten, wie der Dorsch, immer weiter nach Norden aus. Ökologisch bedeutet das, dass sich neue Lebensgemeinschaften bilden und einstellen, wobei es Fischarten geben wird, die davon profitieren, andere werden negativ betroffen sein oder sogar Schaden nehmen.

Fische aus wärmeren Gewässern wie die Meeräsche, der Wolfsbarsch oder die Rotbarbe ziehen immer weiter Richtung Norden
Fische aus wärmeren Gewässern wie die Meeräsche, der Wolfsbarsch oder die Rotbarbe ziehen immer weiter Richtung Norden

Welche Auswirkungen können wir für Fische wie den Aal oder den Lachs erwarten, die für ihre Laichzeit weite Strecken auf sich nehmen müssen?

Prof. Dr. Dietrich Borchardt: Diese beiden Arten werden unterschiedlich betroffen sein. Beim Aal ist eine entscheidende, aber sehr schwierig einzuschätzende Frage, ob und in welchem Ausmaß die befürchtete Abschwächung der großen Meeresströmungen vom Nordatlantik in die Karibik und zurück, die Wanderung der adulten Aale in die Laichgebiete, die Lebensbedingungen im Laich- und Aufwuchsgebiet und die Rückwanderung der Larven beeinflussen wird.

Beim Lachs dürften es eher die indirekten Folgen der Klimaauswirkungen sein. Entscheidend für die lange Laichwanderung stromaufwärts, den unter Umständen mehrmonatigen Aufenthalt im Süßwasser ohne Nahrungsaufnahme und schließlich das anstrengende Laichgeschäft, ist die Fitness der Laichfische. Diese hängt maßgeblich von einem guten Ernährungszustand und damit von den Ernährungsbedingungen während der Wanderung im Meer ab. Verändern sich dort die Bedingungen, haben es die Lachspopulationen, neben den hinlänglich bekannten Faktoren, wie Gewässerverbau, Wasserverschmutzung und Überfischung, mit einem weiteren Problem zu tun. Handelt es sich dann um einen Lachsstamm, der in einem Fließgewässersystem laicht, das sich klimabedingt erwärmt oder dessen Abflusseregime sich verändert, so kann auch der gesamte im Süßwasser ablaufende Teil des Lebenszyklus von der Eiablage bis zur Smoltifizierung betroffen sein.

Gibt es indirekte Auswirkungen des Klimawandels auf unsere heimischen Gewässer? Etwa der Fokus auf grüne Energieerzeugung durch eine gesteigerte Anzahl an Wasserkraftwerke oder Ähnliches?

Prof. Dr. Dietrich Borchardt: Ja, die gibt es in vielfältiger Weise. Solange wir noch fossile oder nukleare thermische Kraftwerke haben, gibt es einen entsprechenden Kühlwasserbedarf aus den Flüssen. Dieser ist bei Niedrigwasser und gleichzeitigen Hitzewellen vielfach nicht mehr sicher gegeben.

Der Beitrag der Wasserkraft an der Energieversorgung kann in Deutschland nicht mehr wesentlich gesteigert werden, weil die Potenziale bei der Großwasserkraft ausgeschöpft bzw. bei der Kleinwasserkraft nicht gegeben sind. Auf einen weiteren Ausbau oder einer Reaktivierung der Kleinwasserkraft sollte meines Erachtens deshalb verzichtet werden, weil deren Beitrag für die Energieversorgung marginal, dafür aber die ökologischen Schäden an den vielen kleinen Gewässern hoch sind.

Aber auch beim Ausbau der Windkraft auf See sollten die Umweltbelange konsequent beachtet werden, denn die Windparks in den heute bereits existierenden und zukünftig geplanten Dimensionen bedeuten erhebliche Eingriffe in die Umwelt, die entsprechend ausgeglichen werden müssen.

Wasserkraftwerke: Weiterer Ausbau ökologisch nicht sinnvoll
Wasserkraftwerke: Weiterer Ausbau ökologisch nicht sinnvoll
 

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  • Starke Dürre- und Hitzeperioden beeinflussen die Pegelstände, wodurch sich Gewässer noch schneller aufheizen: Rainer Puster / istockphotos.com
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Christoph beim Angeln

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